Kritik an verringerter Entwicklungshilfe

Die Welthungerhilfe und das Hilfswerk Terre des Hommes haben eine verringerte deutsche Entwicklungshilfe angeprangert.

Quelle: stern.de, 09.11.2010

Die Welthungerhilfe und das Hilfswerk Terre des Hommes haben eine verringerte deutsche Entwicklungshilfe angeprangert. Deutschlands Entwicklungshilfe sei im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als eine Milliarde Euro auf 8,6 Milliarden gesunken, erklärten die beiden Organisationen am Montag in Berlin. Demnach sank der Anteil der Entwicklungshilfe am Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,38 Prozent auf 0,35 Prozent in 2009.

Der EU-Stufenplan zur Steigerung der Entwicklungshilfe sieht eine Zunahme der Entwicklungshilfe bis 2010 auf 0,51 Prozent und bis 2015 auf 0,7 Prozent des BIP vor. Dieses Ziel werde “klar verfehlt”, hieß es in der Erklärung von Welthungerhilfe und Terre des Hommes. Der EU-Plan sei aber ein “Gradmesser für die internationale Solidarität Deutschlands”, mahnte der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann.

Kritisch sehen die Hilfswerke auch die engere Anbindung der deutschen Wirtschaft an die Entwicklungspolitik. Demnach stiegen die Mittel für Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft in diesem Jahr bereits um ein Viertel auf 60 Millionen Euro. Da der Schwerpunkt dabei in Asien liege, fehle das Geld für die Armutsbekämpfung vor allem in Afrika, erklärte Terre des Hommes.

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Neuer Verein gibt 93.000 pflegebedürftigen Kindern eine Stimme

Sehr gerne veröffentlichen wir eine Presseinformation des Vereins Kinder Pflege Netzwerk, Berlin.

Nähere Informationen:
http://www.kinderpflegenetzwerk.de

Im Wortlaut:

Am 10.10.2010 wurde in Berlin der Verein Kinder Pflege Netzwerk gegründet. Er will sich für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche sowie deren Familien engagieren.
93.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zu einem Alter von 20 Jahren haben laut BKK Faktenspiegel 7/2010 eine Pflegestufe. Das sind weniger als drei Prozent aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland, meist mit schweren individuellen Schicksalen.
„Es war höchste Zeit, eine spezielle Interessenvertretung für pflegebedürftige Kinder und ihre Familien ins Leben zu rufen und auf ihre besondere Situation aufmerksam zu machen. In Deutschland wird das Thema „Pflege“ fast ausschließlich im Zusammenhang mit der demographischen Entwicklung und dementiellen Erkrankungen diskutiert.“, so Claudia Groth, selbst Mutter eines pflegebedürftigen Kindes und Initiatorin der Vereinsgründung.
So gibt es nur sehr wenige Informationen zur Pflegeversicherung, die speziell auf Familien mit einem pflegebedürftigen Kind ausgerichtet sind. Die vorhandenen Beratungs- und Entlastungsangebote haben ihren Fokus in den allermeisten Fällen auf alten Menschen mit Pflegebedarf.
Unter den Gründungsmitgliedern und Unterstützern sind neben betroffenen Eltern auch Kinderpflegedienste und Pflegefachkräfte, Therapeuten, Psychologen und Pädagogen. Der Verein verfolgt das Ziel, möglichst viele Sichtweisen in die Thematik mit einzubeziehen und zur Sprache zu bringen – zum Vorteil der betroffenen Familien.
„Mit der Vereinsgründung am Tag der geistigen Gesundheit wollten wir ein besonderes Zeichen setzen. Die Familien mit pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen brauchen Unterstützung. Eltern benötigen Entlastungsmöglichkeiten, damit sie die jahrelange Pflege ihrer Kinder zu Hause leisten können, ohne selbst körperlich oder seelisch krank zu werden oder den Familienzusammenhang zu gefährden.“, fasst Franziska Müller ihre Erkenntnisse aus ihrer Beratungstätigkeit in der Elternselbsthilfe zusammen. Sie ist die zweite Vorsitzende des neuen Vereins. Auch fehle es an ausreichend finanzierten psychosozialen Angeboten für Geschwisterkinder und Pflegefachkräfte.
Über 95 % aller Eltern mit einem pflegebedürftigen Kind entscheiden sich bewusst für die Pflege ihres Kindes zu Hause. Diese Familien haben jetzt mit dem Kinder Pflege Netzwerk eine Anlaufstelle und Interessenvertretung. Bis zum Aufbau der eigenen Homepage können sich Interessierte auf http://www.kinderpflegekompass.de informieren.

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Die Verbindungen der Pro-Stuttgart 21-Initiativen

Quelle: LobbyControl e. V., 7. Okt 2010

Vorfeld-Organisationen, Kunstrasen-Initiativen oder alles echte Graswurzeln? In den letzten Tagen wird heiß darüber diskutiert, welche Verbindungen die Pro-Stuttgart 21-Initiativen zur Bahn oder anderen Projektträgern haben. Auslöser war ein Beitrag des Metronaut-Blogs. Die Süddeutsche Zeitung online hat gestern einen längeren Artikel  dazu veröffentlicht – und es gibt weitere interessante Informationen zu den Verbindungen der Pro-Stuttgart 21-Initiativen.

Wenig beachtet wurde unseres Wissens nach folgende Passage von der Webseite der Intiative “Bürger für Stuttgart 21″:

“    Die IG Bürger für Stuttgart 21 hatte in der letzten Woche das große Glück nicht nur am Lauftreff teil zu nehmen, sondern auch OB Schuster zu treffen, sowie ein kurzes Gespräch mit dem Innenminister Resch und unserem Ministerpräsident Mappus zu führen. [...] Als ein großes Highlight freuen wir uns im Oktober auf ein exklusives Treffen mit Bahnchef Grube. […]

Ich saß zusammen mit unserem Pressesprecher Gerald Holler, Johannes Bräuchle und Christian List am letzten Freitag zusammen mit 30 offiziellen der Stadt, des Stadtrates, des Gemeinderates, der Bahn, der Agentur für Arbeit, der IHK oder des Wirtschaftsrates zusammen. Es wurde festgelegt, dass es nun einen gemeinsamen Weg für Stuttgart 21 geben wird. Jedoch muss dieser Weg weiterhin aus der Bevölkerung heraus kommen. (Anmerkung LobbyControl: das ganze ist mit “Rückblick der KW37″ überschrieben, also war es vermutlich Freitag, der 17.9.)

Der erste Teil zeigt zunächst die guten Kontakte zur Politik und zur Bahn, im zweiten Teil geht es noch weiter: das dort skizzierte Treffen deutet darauf hin, dass die Pro Stuttgart 21-Initiativen in eine gemeinsame Koordination mit der Politik, der Bahn und weiteren Unterstützern aus der Wirtschaft eingebunden sind. Christian List ist Vertreter der Initiative “Laufen für Stuttgart”, Johannes Bräuchle von “proSIT 21″. Mit der IG “Bürger für Stuttgart 21″ haben sie sich neuerdings zum Bündnis “Wir sind Stuttgart21″ zusammengeschlossen (weitere Details insbesondere zu Christian List siehe den Artikel in der Süddeutschen Zeitung).

Der oben zitierte Bericht über das gemeinsame Treffen legt auch nahe, dass es eine abgesprochene Strategie gibt, für die Pro Stuttgart 21-PR bürgernahe Initiativen nach vorne zu stellen zu fördern (oder vermeintlich bürgernahe Initiativen). Das heißt noch nicht, dass die Pro Stuttgart 21-Initiativen von der Bahn oder anderen Projektträgern beauftragt wären. Das ist möglich, aber bislang nicht belegt. Es kann auch sein, dass die Initiativen zunächst echt sind, aber gezielt durch Projektträger von Stuttgart 21 bzw. interessierte Kreise gefördert und instrumentalisiert werden. Wir haben zu dem Treffen und möglichen Absprachen mit der Bahn u.a. eine Anfrage an die IG “Bürger für Stuttgart 21″ gestellt. Für weitere Hinweise sind wir dankbar.

Update: Der Pressesprecher des Vereins “Bürger für Stuttgart 21″, Gerald Holler, bestätigte der Nachrichtenagentur dapd, dass das Kommunikationsbüro der Bahn sowie die Stadt bei dem Treffen ihre Unterstützung zusagten. Die Bürger wurden mit Argumenten für das Projekt versorgt. Sie hätten Gutachten und Kontakt zu Architekten sowie Tunnelspezialisten erhalten. Die Befürworter-Webseiten würden seitdem zudem über Newsletter gepuscht. “Wir bekommen aber kein Geld”, sagte Holler laut dpad. (Quelle: dapd-Meldung vom 5.10.2010)

Hintergrund:

* Zum Vergleich: Das ganze erinnert an das Vorgehen der Asphalt- und Baulobby im Straßenbau: Dort gibt es die “Gesellschaft zur Förderung umweltgerechter Straßen- und Verkehrsplanung” (GSV). Die GSV hilft Bürgerinitiativen pro Umgehungsstraßen (oder pro Tunnel, Brückenbauten etc.) bei der Pressearbeit, der Strategieentwicklung und der Kontaktanbahnung zu Straßenbauämtern und Entscheidungsträgern. Sie hat zudem in den letzten Jahren immer wieder die Proteste der Pro-Straßen-Bürgerinitiativen finanziell unterstützt.
* Da aktuell mehrfach an den Skandal um verdeckte PR der Deutschen Bahn unter Bahnchef Hartmut Mehdorn erinnert wird, hier nochmal als Hintergrundmaterial unsere Enthüllungen dazu aus 2009 (http://www.lobbycontrol.de/blog/wp-content/uploads/die-verdeckte-einflussnahme-der-deutschen-bahn.pdf).

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Bildung: Die ersten Jahre sind entscheidend

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung, 07.10.2010

Linguistik-Studie: Die deutschen Grundschulen integrierten vor 30 Jahren Kinder bildungsferner Familien besser als heute

Ganztagsschule“ und „Kita-Pflicht“ sind Zauberwörter, mit denen deutsche Politiker die Integrationskraft der Grundschulen beschwören. Sie wollen verhindern, dass ein Viertel aller Drittklässler in einen eklatanten Leistungsrückstand gerät. Die sogenannten Risikoschüler kommen überwiegend aus bildungsfernen Familien – auch in Brandenburg. Ende der dritten Klasse entsprechen ihre Kompetenzen nicht einmal den Minimal-anforderungen. Zudem werden Unterschicht-Kinder mit guten Leistungen in vielen Bundesländern von ihren Lehrern nachweislich bei der Bildungsempfehlung benachteiligt. Deutsche Grundschulen verstärken heute also die sozialen Differenzen, anstatt sie anzugleichen. Das war nicht immer so, belegt eine brisante Studie mit dem Titel „Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich“.

Gemeinsam mit drei Kollegen hat der Germanist Wolfgang Steinig erstmals die Schreibleistungen zweier Generationen verglichen. Das Fazit: Anfang der 70er Jahre vermochte das westdeutsche Schulsystem soziale Differenzen noch in großem Maße auszugleichen. Heute gelingt das nicht mehr. Doch man könne Lehrern keineswegs ein kollektives Versagen vorwerfen, schreibt der Siegener Professor. „Der Mangel an Chancengleichheit scheint systembedingt.“ Die Grundschule habe heute „in erheblichem Ausmaß die Fähigkeit eingebüßt, Unterschiede im Sprachgebrauch von Kindern unterschiedlicher Sozialschicht auszugleichen“.

1972 ließ Steinig 250 Viertklässler Aufsätze schreiben. 30 Jahre später wiederholte er den Versuch. Geschrieben wurde in den gleichen nordrhein-westfälischen Schulen. Gezeigt wurde derselbe zu diesem Zweck gedrehte amateurhafte Super-8-Film, den die Schüler in einem Aufsatz beschreiben sollten.

Das Ergebnis: 2002 haben die orthographischen Fehler um 77 Prozent zugenommen, inhaltlich sind die Texte dafür ansprechender. Sind Inhalte heute also wichtiger als die Form? Die Durchschnittszahlen täuschen. Schüler, die gut lesbare, interessante Texte schrieben, machten nur verhältnismäßig wenige Fehler, die Verfasser inhaltlich schwacher Texte um so mehr. Zugleich stammen die schwachen Aufsätze heute um ein Vielfaches häufiger von Kindern aus der Unterschicht als noch 1972. „Während die sprachliche Qualität ihrer Texte stagniert oder abnimmt, sind ihre Fehlerzahlen enorm angestiegen“, heißt es in dem Buch.

Mit seiner Studie zeigt Steinig, dass es 1972 noch keine größeren „schichtspezifischen Unterschiede“ am Ende der Grundschulzeit gab. „Damals gelang es der Schreibdidaktik in der Grundschule offenbar noch, die schriftlichen Fähigkeiten aller Schüler zu fördern.“ 30 Jahre später ist das Ergebnis ein anderes: „Die Texte zeigen sehr viel deutlicher, aus welcher sozialen Schicht die Familie eines Kindes stammt und welche Sekundarstufe es besuchen wird.“

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens benötigen Schüler offenbar ein orthographisches Gerüst, um auch inhaltlich kreativ schreiben zu können.

Zweitens prägen selbstständiges Lernen und Kreativität heute den Unterricht. Doch je offener und unsystematischer Schreiben in der Schule vermittelt wird, desto häufiger müssen Eltern ihren Kindern die Regelhaftigkeit der Sprache zu Hause vermitteln. Eine Aufgabe, die bildungsferne Familien überfordert.

Dabei hat die Schriftlichkeit durch täglichen Computer- und Internet-Umgang extrem zugenommen. „Auch wenn ich es gern anders hätte, Rechtschreibung ist heute wichtiger denn je“, bestätigt Steinig im Gespräch, „sie wirkt als soziale Barriere und entscheidet über Schullaufbahn und beruflichen Erfolg“. In die Führungsetagen schaffe es nur, wer Orthographie und Kommasetzung beherrsche. „Die Rechtschreibung wird zur sozialen Markierung und dient als Kriterium für eine knallharte Auslese.“

Kinder aus bildungsnahen Familien sind von Anfang an im Vorteil. Sie sammeln schon vor der Einschulung Schreiberfahrungen, können ihren Namen schreiben, kennen Buchstaben, Leserichtung und erste Wörter. Kinder bildungsferner Familien geraten bereits in den ersten Schulwochen stark ins Hintertreffen. „Individuelles, an den Fähigkeiten eines Kindes orientiertes Lernen darf nicht dazu führen, dass schwächere Schüler in den ersten Schulwochen den Anschluss verlieren, weil sie zu wenig gefördert und gefordert werden“, erklärt der Linguist.

Als „Irreführung“ bezeichnet Steinig deshalb eine Didaktik, die Rechtschreibung in den ersten Schuljahren für „nicht so wichtig“ erklärt und am Ende der vierten Klasse als entscheidendes Argument für die Bildungsempfehlung in die Waagschale wirft. „Auf einmal sind Rechtschreibfehler als hartes Argument sehr gefragt, weil sie zählbar und juristisch überprüfbar sind.“

Bildungsferne Eltern lassen sich täuschen, wenn sie ihr Kind einschulen. Die Atmosphäre ist fast so locker und familiär wie in der Kita, die Lehrerin scheint nicht streng zu sein und zeigt für Schwächen viel Verständnis. Diese Eltern vertrauen der Schule, dass diese sich ausreichend um ihr Kind kümmere, so Steinig. Ein fataler Irrtum. Denn die Mittelschicht-Eltern greifen schon früh korrigierend ein. Sie bestehen zu Hause auf korrekter Rechtschreibung und ergänzen das lückenhafte Regelwissen aus der Schule.

Es sei schon eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die „linke, emanzipatorische Pädagogik“ seit den 70er Jahren Rechtschreibung in der Schule hinten an stellt. „Damit wollte sie den Unterschicht-Kindern entgegenkommen“, erläutert Steinig. „Man fürchtete, Kindern der Unterschicht ihre soziale Identität zu rauben, wenn man ihnen die Sprache der Mittelschicht aufzwingt.“ Mit dieser Rechtfertigung hat sich die Bundesrepublik jene Förderung schwacher Schüler gespart, die in anderen Ländern seit Jahrzehnten üblich ist.

Dabei spiegelt der Umgang mit schwachen Schülern sehr deutlich das jeweilige Menschenbild einer Gesellschaft. In demokratischen Verfassungen sollte man vermuten, dass es von der Aufklärung geprägt ist. Immerhin ist die Beherrschung von Lesetechnik und Rechtschreibung eine Grundvoraussetzung zur demokratischen Teilhabe. „Zum Beispiel gilt in asiatischen Ländern wie Vietnam: Jedes Kind kann alles“, fällt Steinig dazu ein. In Deutschland sei das heute nicht so eindeutig. „Gerade deshalb ist die Maxime ungerecht, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht und in seinem eigenen Tempo lernen zu lassen“, kritisiert der Germanist einen Hauptgedanken der Reformpädagogik. „Die vermeintlich wohlwollende Haltung gegenüber schwächeren Kindern vertieft den Graben.“

Steinigs Buch ist ein Novum, weil sich deutsche Soziologen, Pädagogen und Didaktiker seit 30 Jahren kaum noch für das Thema soziale Gerechtigkeit in der Schule interessiert haben. Ihr Fokus ist auf die Gruppe der Migrantenkinder und deren Zweisprachigkeit gerichtet.

Steinig kritisiert diese Verschiebung des Problems: „Der Risikoschüler von heute verliert den Anschluss nicht aufgrund seiner Migranten-Situation, sondern aufgrund seiner sozialen Herkunft.“ Die Zweisprachigkeit komme dann nur noch erschwerend hinzu, so der Experte für Deutsch als Zweitsprache.

Steinigs 400-Seiten-Buch besteht aus einer Fülle von Statistiken und nüchterner Analyse. Doch im Gespräch scheut der Germanist keineswegs, die gängigen Lehrwerke mit deftigen Worten zu kommentieren: Viele seien nichts als ein „Potpourri aus unsinnigen Aufgaben und Ausfüllbögen“. Ihnen liege eine Art „Pfingstwunder-Didaktik“ zugrunde. Rechtschreibung werde nur noch wie eine bittere Pille untergemischt. Dahinter stehe, dass der Schreiberwerb als Naturwüchsigkeit verstanden werde. „Das ist Quatsch. Schreiben ist eine Kulturtechnik, die man begreifen und dann üben muss.“ Wenn sich Kinder ihre eigenen Lernwege suchen, können sie auch falsch sein. Dann erfordert es einen größeren Aufwand, wieder in die richtige Spur zu kommen.

Deshalb warnt Steinig vor der verbreiteten Annahme, schwache Rechtschreibfähigkeiten würden sich von selbst auswachsen. Dazu gebe es keine wissenschaftlichen Belege. Steinigs Studie gibt vielmehr Anlass zu der Vermutung, dass Schüler, die zu spät Rechtschreibregeln erlernen, deutlich mehr Fehler machen.

Am Ende seiner empirischen Studie fordert Steinig die Politik mit deutlichen Worten auf, die Grundschulen in ihre Verantwortung zu nehmen. Der Unterricht müsse gründlich überarbeitet und Kinder bildungsferner Familien müssten in den ersten Jahren besonders intensiv gefördert werden. Damit will er keineswegs in die 70er Jahre zurück. „Schüler sollen sich wohlfühlen und Schule als einen anregenden Lernraum erfahren – ein Ziel, das heute wesentlich besser erreicht wird als früher. All dies ist ausdrücklich zu begrüßen!“, heißt es im letzten Kapitel. Auch die Anlauttabelle sei nicht per se zu verteufeln, dürfe aber nicht zentrales Medium sein, erklärt Steinig auf Nachfrage. Jahrgangsübergreifender Unterricht habe durchaus Vorteile, wenn er ausreichend viele „systematische Phasen“ integriere. Das Gleiche gelte für die Ganztagsschule, allerdings müsse sie dann auch mehr und qualitativ höhere Lernzeit zur Verfügung stellen. Bewährt habe sich beispielsweise ein Tutoren-Modell, bei dem stärkere Schüler schwächere unterrichten. Davon würden beide Seiten profitieren. Dringend nötig sei für alle Schüler mehr Lernzeit zum Automatisieren. Die Schreibregeln müssten nicht nur begriffen sondern auch trainiert werden, so Steinig. „Schule muss das ganz allein leisten können.“

Wolfgang Steinig, Dirk Betzel, Franz Josef Geider, Andreas Herbold: Schreiben von Kindern im diachronen Vergleich. Texte von Viertklässlern aus den Jahren 1972 und 2002. Waxmann Verlag, Münster 2010. 412 Seiten, 34,90 Euro  (Von Nathalie Wozniak)

LesensWerte, Alexander Kroll Public Relations
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“Schule ist für Schüler da”

Pater Klaus Mertes SJ, Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, im Gespräch zu seinem Buch und den Herausforderungen runf um Schulen.

Quelle: Inforadio, 16. September 2010

Inforadio-Website mit Podcast:

http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/vis_a_vis/201009/148205.html

“Schule ist für Schüler da”

Die Leiter zweier Jesuitenschulen, Klaus Mertes SJ und Johannes Siebner SJ, befassen sich in einem neuen Buch mit dem Thema sexueller Missbrauch an Schulen. “Schule ist für Schüler da”. Mertes und Siebner schreiben über die verschiedenen Rollen von Schule und Elternhaus trotz des gemeinsamen Erziehungsauftrags. Sie vertreten die These, dass Vertrauen die Grundlage für eine gelingende Pädagogik und eine gute Schulpolitik sei. Dieses Vertrauen werde durch sexuellen Missbrauch brutal verletzt und ausgenutzt.

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Elif Shafak: The politics of fiction

SehensWert

Elif Shafak: The politics of fiction (Die olitischen Funktionen von Fiktion)

Geschichten zu hören erweitert das Vorstellungsvermögen, sie zu erzählen lässt uns kulturelle Mauern übersteigen, Erfahrungen Anderer erfassen, fühlen was sie fühlen.
Elif Shafak baut auf dieser einafchen Idee ihr Plädoyer für die Möglichkeiten von Fiktion zur Lösung identitätsbezogerner politischer Problemstellungen auf.

Zu Elif Shafak:
Elif Safak (* 25. Oktober 1971 in Straßburg, Frankreich; im Ausland bekannter unter Shafak, der gleich ausgesprochenen, englischen Schreibweise) ist eine türkische Schriftstellerin. Sie gehört zu den meistgelesenen Schriftstellerinnen in der Türkei wie auch zu den bekanntesten türkischen Schriftstellern im Ausland.

Shafak schreibt in türkischer und englischer Sprache.

Als Tochter einer türkischen Diplomatin wuchs sie unter anderem in Madrid und Amman auf. Sie studierte Internationale Beziehungen an der Technischen Universität des Nahen Ostens in Ankara, erhielt einen Master of Sciences in Gender and Women’s Studies mit einer Arbeit über The Deconstruction of Femininity Along the Cyclical Understanding of Heterodox Dervishes in Islam und promovierte an derselben Universität in den politischen Wissenschaften mit An Analysis of Turkish Modernity Through Discourses of Masculinities.
Zur Zeit arbeitet sie als Assistant Professor an der Abteilung für Nahost-Studien der University of Arizona in Tucson.

Literarisch debütierte sie mit der 1994 veröffentlichten Erzählung Kem Gözlere Anadolu. Ihr erster Roman (Pinhan) erschien 1997 und wurde im Jahr darauf mit dem türkischen Mevlana-Preis ausgezeichnet, der für Werke im Bereich der islamischen Mystik vergeben wird. Ein erster Durchbruch gelang ihr mit dem Roman Sehrin Aynaları (Spiegel der Stadt), für den sie im Jahr 2000 den Preis des türkischen Schriftstellerverbandes erhielt.

Seit 2005 ist Elif Shafak mit dem türkischen Journalisten Eyüp Can verheiratet; im September 2006 kam ihre erste Tochter zur Welt.

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